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Sonntag, 7. Dezember 2014

Die Macht der Phantasie - Teil 5

Kapitel V - Lyran


Er konnte die Gestalt nur als schwarzen Schatten im Gegenlicht erkennen. Noch nie hatte er das Gesicht seines Peinigers gesehen, denn dieser stand stets so, dass er das Licht im Rücken hatte.
Seine Augen schmerzten von der ungewohnten Helligkeit, welche die Fackeln im Gang hervorriefen. Vermutlich war es nicht einmal besonders hell, aber für jemanden der tage- vielleicht auch schon wochenlang in absoluter Finsternis lebte, war dieser Lichtschein wie tausend glühende Nadeln, die sich in seine Augen bohrten.

„Bald schon hast du gänzlich verloren“, drang die ruhige Stimme der Gestalt an sein Ohr. „Sie ist hier... aber sie wird dir nicht helfen können und sollte sie es versuchen, wird das ihr und dein Schicksal besiegeln.“
„Unterschätz sie nicht“, begehrte er gegen die Schattengestalt auf. „Sie ist mutig und sie wird es schaffen. Dem Tapferen hilft das Glück sagt man. Sie WIRD dich besiegen.“
„Wir werden sehen“, erwiderte sein Gegenüber kühl und verließ den finsteren Kerker.

Er blieb zurück – allein mit seinen Gedanken, seinem Schmerz... und seiner Hoffnung.

*

Soeben war die Kutsche über die Zugbrücke, die den tiefen Schlossgraben überspannte, gerollt und nun fuhren sie durch ein großes Tor mitten auf den Innenhof des Schlosses. Geschäftiges Treiben herrschte dort – Diener in fantasievollen Uniformen eilten vorüber, Händler stritten mit dem Oberkoch über das frische Gemüse und feilschten um den Preis, in einer Ecke wurde gerade ein Pferd frisch beschlagen, Kinder sprangen lachend zwischen den Leuten umher und versuchten sich zu fangen – kurz: Alles schienen fröhlich und guter Dinge.

Ohne dagegen zu protestieren hatte sich Gwen von einem livrierten Diener aus der Kutsche helfen lassen und sah sich nun mit großen Augen um. So merkte sie es auch nicht, dass ein Mann auf sie zukam. Überall dort, wo er vorbeikam, verstummte die Menge für einen Augenblick und grüßte höflich.
Erst als Jacques Gwen am Kleid zog und sich übertrieben räusperte, drehte sich die junge Frau und blickte direkt in zwei warme braune Augen.

Gwen war enttäuscht und verzaubert zugleich. Dieser Mann vor ihr war nicht Oliver, dennoch erkannte sie in ihm sofort Lyran. Oliver hatte ihn oft genug ausführlich beschrieben und es stimmte wirklich ALLES. Genau so hatte sie ihn sich stets ausgemalt. Die dunklen Haare, die etwas streng zurückgekämmt waren, die hohen Wangenknochen... Es war einfach perfekt.

„Mylady, ich kann gar nicht sagen wie froh ich bin, dass Ihr den Weg hierher gefunden habt“, sagte Lyran, ergriff Gwens Hand und gab ihr einen formvollendeten Handkuss.
Sichtlich verlegen zog Gwendolin ihre Hand zurück, was Lyran mit einem Lächeln bedachte.
„Ich... ich muss zugeben, ich bin etwas verwirrt“, erwiderte sie. „Ich verstehe nicht ganz, wieso ich hier bin. Diese Nachricht... war sie von Euch? Wie konntet Ihr sie mir denn schicken?“
„Alles zu seiner Zeit“, antwortete Lyran nachsichtig. „Ich werde all Eure Fragen beantworten, aber nicht hier. Gestattet mir, Euch in eine etwas privatere Umgebung zu geleiten.“
Er bot ihr seinen Arm und nach kurzem Zögern nickte Gwendolin und ließ sich von dem Lord ins Schloss führen.

*

Seine Handgelenke schmerzten noch schlimmer als zuvor und er fühlte wie warmes Blut seine Arme hinablief. Verzweifelt hatte er immer wieder den aussichtslosen Versuch unternommen, sich von seinen Fesseln zu befreien. Nun hatte er resigniert aufgegeben und saß, die Arme von den Ketten auf halber Höhe gehalten, auf dem Kerkerboden.
Sie war hier, hatte sein Peiniger gesagt. Hier in dieser Welt mit all ihren Tücken und Gefahren und er konnte nichts tun, um sie zu warnen und sie zu unterstützen.
„Es müsste schon ein Wunder geschehen“, seufzte er mutlos. „Eher fangen Steine an zu sprechen, als dass ich hier herauskomme. Was habe ich nur getan?“

*

Als Lyran sich ihr erneut zuwandte, wirkte er sehr besorgt.
„Gwendolin“, begann er sanft zu sprechen und zum allerersten Mal fand sie ihren Namen schön. Die Art wie Lyran ihn aussprach, brachte ihn auf wunderbare Weise zum Klingen. „Ich weiß, es kommt alles sehr überraschend für Euch, aber glaubt mir, ich hätte es nicht getan, wenn ich einen anderen Ausweg gewusst hätte.“
„Was ist denn passiert?“, fragte Gwen vorsichtig nach. Es machte ihr fast Angst, dass Lyran so sprach.
„Könnt Ihr es Euch denn nicht denken?“, antwortete Lyran und beobachtete genau ihre Reaktion als er weitersprach. „Oliver – er ist ebenfalls hier in dieser Welt und er ist in großer Gefahr.“
„Was?“ Gwendolin ließ sich auf einen Stuhl sinken. „Aber... WAS ist denn nun geschehen?“
„Das weiß ich nicht so genau. Er war eines Tages einfach da. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Absicht war, dafür wirkte er zu überrascht, aber noch bevor ich ihn fragen konnte, ist etwas Furchtbares geschehen – er wurde entführt.“
Gwendolin schluckte. Sie konnte das einfach nicht glauben. Oliver sollte entführt worden sein? Aber von wem? Und warum? Er hatte doch anscheinend niemandem etwas getan...
„Weißt du... ich meine, wisst Ihr, wer das getan hat?“, fragte sie leise.
Lyran nickte. „Ich hab einen Verdacht, ja. Es gibt einen Schwarzmagier, dem ich das durchaus zutrauen würde. Sein Name ist Lysander.“
Die junge Frau überlegte. „Lysander... diesen Namen habe ich noch nie gehört. Er sagt mir rein gar nichts. Aber warum sollte er Oliver entführen?“
„Genau das hatte ich gehofft von EUCH zu erfahren.“ Lyran wirkte mutlos und etwas enttäuscht.
„Weiß man denn, wo er jetzt sein könnte? Können wir denn nicht etwas für Oliver tun?“, fragte Gwen hoffnungsvoll weiter.
„Einige meiner Leute sind auf der Suche nach Informationen über diesen Magier. Wir werden wohl oder übel warten müssen, bis sie zurückkehren“, antwortete Lyran.

In diesem Moment klopfte es und ein Diener öffnete die Tür. Er gab dem Lord zu verstehen, dass er ihn kurz sprechen wolle, es wäre dringend. Lyran entschuldigte sich bei Gwendolin und verließ den Raum.

Zutiefst beunruhigt stand Gwen auf und begann im Raum auf und ab zu gehen. Sie konnte einfach nicht mehr still sitzen. Hoffentlich war Oliver nichts Schlimmes geschehen. Was wollte dieser Lysander nur von ihm?
Sie trat ans Fenster und sah hinaus. Draußen hatte sich kaum etwas verändert und dennoch schien die Sonne einiges von ihrem Licht und ihrer Wärme verloren zu haben. Für einen Moment ließ sie ihren Gedanken freien Lauf und wünschte sich, ein Zeichen – ein winziges Zeichen nur – zu erhalten, das ihr einen Hinweis auf Olivers momentan Aufenthaltsort geben konnte.

Vor der Tür klirrte etwas und Gwen wandte ruckartig den Kopf. Kam Lyran vielleicht schon zurück? Doch nichts geschah.
Mit einem Seufzer blickte sie wieder aus dem Fenster und legte eine Hand auf das Fenstersims. Es raschelte leise, als ihre Finger auf Pergament trafen.
‘Seltsam’, dachte sich Gwen. ‘Ich bin mir ganz sicher, dass hier vorhin noch nichts gelegen hatte.’
Das Stück Papier glich dem, welches sie heute Morgen beim Frühstück gefunden hatte. Nur war es diesmal nicht versiegelt und es war bereits beschrieben.
In kleinen verschlungenen Buchstaben standen dort die Worte:

Saxa loquuntur

“Die Steine sprechen? Was soll das denn?“, wunderte sich Gwen als sie rasche Schritte hörte, die sich der Tür näherten. Rasch legte sie das Pergament zurück auf die Fensterbank, wo es gleich darauf ein Windstoß fortwehte. Erschrocken versuchte die junge Frau noch es festzuhalten, doch vergeblich. Sie sah, wie ein Rabe angeschossen kam, nach dem Papier schnappte und mit eiligen Flügelschlägen aus ihrem Blickfeld verschwand.

Die Tür ging auf und Lyran trat ein. Er blickte etwas besorgt, als er Gwen am Fenster sah und trat neben sie, um es zu schließen.
„Der Wind weht frisch“, sagte er sanft, „und ich möchte nicht, dass Ihr Euch erkältet.“
Seine Augen hatten im Licht der bereits untergehenden Sonne einen leichten Violettstich bekommen, der Gwen in seinen Bann zog.
„Oh, mir ist nicht kalt“, antwortete sie und beschloss vorerst nichts von dem Pergament zu erzählen.


 © Petra Staufer
Dieser Text darf NICHT ohne meine ausdrückliche Genehmigung weiterverbreitet und veröffentlicht werden!
Sorry, dass ich das dazuschreiben muss, aber es kam schon vor.

Freitag, 24. Oktober 2014

Die Macht der Phantasie - Teil 4


Och je… ich häng ja schon wieder hinterher.
Sorry, aber ich fürchte, das wird so rasch nicht besser werden. Wir haben hier ein wenig viel zu verarbeiten (danke nein, ich will nicht drüber reden. Auch wenn ihr es sehr lieb meint) da bleibt eben anderes auf der Strecke.

Um so mehr freut es mich, dass doch so viele mitlesen.



Kapitel IV – Dem Tapferen hilft das Glück


In dem Kuvert befand sich ein schlichter weißer Zettel und für einen Moment war Gwen ziemlich irritiert, als sie rein gar nichts darauf erkennen konnte. Sie drehte das Stück Papier um, doch auch auf der Rückseite waren keine Worte zu lesen. Was hatte das nur zu bedeuten? Warum legte jemand einen blanken Zettel in ein Kuvert und versiegelte dieses dann?

Gerade wollte sie das Papier weglegen, als wie von Geisterhand geschrieben Buchstaben aufleuchteten. Sie flackerten leicht und zusammen mit der rötlichen Farbe erweckten sie den Eindruck, als würde die Schrift brennen.

Gwen hatte einige Mühe, die verschlungene, ‚brennende’ Schrift zu entziffern.

Fortes fortuna audiavat

Latein? Damit hatte sie nun ganz und gar nicht gerechnet. Gwen wusste langsam wirklich nicht mehr, in was sie da hineingeraten war. Die Schriftzeichen flackerten immer noch, wirkten allerdings intensiver, auffordernder, gerade so, als drängten sie auf etwas.
„Fortes fortuna audiavat“, wiederholte Gwen nachdenklich und versuchte sich an den Lateinunterricht aus der Schule zu erinnern. „Dem Tapferen hilft das Glück.“
Kaum hatte sie die Worte übersetzt, da erlosch die Schrift wieder und das Papier zerbröselte unter ihren Fingern.
Verblüfft schüttelte die junge Frau ihre Hand und der Papierstaub verteilte sich über den Boden. Was war hier gerade geschehen? War das eine Nachricht an sie gewesen?

Ihr blieb keine Zeit zum Nachdenken, denn Margowa trat plötzlich ins Zimmer. Etwas misstrauisch sah sie sich kurz um, doch dieser Eindruck verflog sofort wieder, als sie Gwendolin ansah.
„Guten Morgen, ich hoffe, du hast gut geschlafen?“
Gwen nickte bestätigend, kam jedoch nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn die andere trat bereits an den Schrank und zog ein Kleid hervor, wie Gwen noch keines gesehen hatte. Es übertraf alles, was sie sich bisher vorgestellt hatte und hätte sicherlich einer Prinzessin zur Ehre gereicht.
„Tut mir leid, dass ich dein Frühstück so abrupt beende“, fuhr Margowa fort und öffnete die Tür zum Waschzimmer. „Aber wir müssen uns beeilen. Komm.“

Gwen warf nochmals einen kurzen Blick auf ihre Hand, an welcher immer noch etwas Staub hing, und ihr fiel der merkwürdige Ausdruck auf Margowas Gesicht ein, als diese ins Zimmer gekommen war. Doch ein weiterer Blick in die Augen der anderen schob alle Bedenken zur Seite und so folgte sie ihr ins ‚Badezimmer’.

Zu ihrer Überraschung fand sie dort tatsächlich eine Sitzbadewanne vor, wie sie es bei einer Schlossbesichtigung schon einmal gesehen hatte. Das heiße Wasser dampfte noch leicht. Gwen fühlte sich mit einem Mal furchtbar schmutzig und es überkam sie das übermächtige Verlangen ein Bad zu nehmen. Ohne darüber nachzudenken ließ sie sich von Margowa aus dem Kleid helfen und stieg in die Wanne. Es störte sie dabei weder die Tatsache, dass die andere sie nun nackt sah, noch, dass sie sich kaum kannten.
Auch als Margowa ihr nach dem Bad in das frische Kleid half und damit begann ihre Haare zu kämmen und zu frisieren ließ Gwen alles über sich ergehen als wäre es selbstverständlich. Es war als stünde sie unter einem Bann, der erst von ihr abfiel als sie das Zimmer verließen.
War es richtig gewesen? Margowa hatte sich fast wie eine Dienstbotin verhalten und Gwen hatte es angenommen, als gäbe es nichts anderes. Gwen schämt sich dafür, doch als sie sich bei der anderen dafür entschuldigte, winkte diese nur mit einem freundlichen Lachen ab.

*

„Der Zauber beginnt bereits zu wirken“, murmelte der heimliche Beobachter an der Kristallkugel. „Mal sehen wohin das noch führt.“
Der Rabe saß nun auf seiner Schulter und die Gestalt strich ihm übers Federkleid.

*

Gwen war nicht überrascht gewesen, als sich das Schloss wieder in die windschiefe Hütte verwandelt hatte. Genauso selbstverständlich stieg sie in die wartende Kutsche, die von vier weißen Hirschen gezogen wurde und an diesem Ort ziemlich Fehl am Platz wirkte.
Sie freute sich darauf, endlich Lord Lyran vorgestellt zu werden und damit Antworten auf ihre Fragen zu bekommen.

Als Margowa und Gwen eingestiegen waren, hüpfte Jacques auf den Kutschbock und los ging die Fahrt. Es gab weder Wege noch Pfade – trotzdem blieb die Kutsche nirgends hängen, so eng die Bäume auch standen. Es war, als machten sie kurzzeitig den Weg frei, um danach an ihre angestammten Plätze zurückzukehren.

Gwen genoss die Kutschfahrt sehr und noch mehr erfreuten sie die vielen Blumen, Pflanzen und Tiere, die sie unterwegs sah. Hier in dieser Welt gab es keinerlei Anzeichen von Umweltverschmutzung. Alles blühte und gedieh aufs herrlichste. Die Luft war klar und roch auch ganz anders. Viel frischer und irgendwie... sauberer.
‘Aprilfrisch’, dachte Gwen und grinste.

Schließlich erreichten sie den Waldrand und vor ihnen breitete sich eine weite Märchenlandschaft aus. Grüne Hügel, nur ab und zu unterbrochen von goldgelben Weizenäcker, blauen Bächen, die sich ihre Wege durch das Grün suchten und am Horizont türmte sich ein großes Gebirge auf.
Auf einem der Hügel zu ihrer Linken stand ein Schloss mit vielen Türmchen, deren Fahnen im sanften Wind schaukelten.

„Das ist unser Ziel“, erklärte Jacques, ehe Gwendolin fragen konnte. „Das Schloss von Lord Lyran. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir dort ankommen.“
Leicht nervös begann Gwen auf ihrem Platz hin und her zu rutschen, denn mit jeder Minute, die verging, wurde sie aufgeregter. Bald... bald würde sie ihre Antworten erhalten.


 © Petra Staufer
Dieser Text darf NICHT ohne meine ausdrückliche Genehmigung weiterverbreitet und veröffentlicht werden!
Sorry, dass ich das dazuschreiben muss, aber es kam schon vor.