Kapitel XI - Quid est veritas?
„Ly... Lysander...“, stammelte
Gwendolin auf Verdacht. Erkennen konnte sie es nicht, da die Person eine Kapuze
über den Kopf gezogen hatte und man nur das Glitzern der Augen sah.
Ihr wurde heiß und kalt. Wie
sollten sie sich denn jetzt gegen ihn verteidigen?
Oliver griff nach Gwendolins
Armen und hielt sie fest, während Ragnheidur, der Rabe, auf seine Schulter
flog. Ohne die dunkle Gestalt anzusehen sagte er mit fester Stimme: „Keine
Angst, er kann uns nichts tun, weil wir nämlich nicht mehr hier sind. Wir sind
schon lange im Burghof.“
Gwendolin blinzelte und gleich
darauf standen sie tatsächlich mitten im Burghof. Sie wollte schon etwas sagen,
als Oliver den Kopf schüttelte und „Waffenkammer“ murmelte, woraufhin sie sich
einen Augenblick später zwischen schimmernden Rüstungen, blitzenden Schwertern
und ordentlich aufgereihten Schilden wiederfanden.
Dieses Spiel trieb er noch einige
Male und so sah Gwendolin nacheinander ein großes Kaminzimmer, eine Bibliothek,
den Weinkeller, einen Festsaal und eine Ahnengalerie.
Ganz am Schluss landeten sie im
Thronsaal und hier ließ Oliver sie auch endlich los.
„So...“, meinte dieser dann auch.
„Jetzt müssen wir nur noch Lyran – den echten Lyran – befreien, dann steht
unserer Heimkehr nichts mehr im Weg. Wo ist denn...“
Suchend sah er sich um.
„Warte mal, Oliver“, meinte
Gwendolin und zupfte ihn am Ärmel. „Was ist hier eigentlich los? Was sollte
diese ‚Springerei’ durch die ganzen Zimmer? Und warum wird alles wahr, was wir
uns fest wünschen?“
Der junge Mann seufzte. „Ok, ich
will versuchen, es dir in aller Kürze zu erklären. Diese ‚Springerei’ war
notwendig, um uns etwas Zeit zu verschaffen. Lysander ist mächtig, fast etwas
ZU mächtig, wie ich leider feststellen musste und er wird uns folgen. Soviel
ist sicher. Was deine andere Frage angeht: Nun, wir sind in... einer
Geschichte. Ich wollte dich überraschen und ein einzigartiges Werk schaffen.
Dazu habe ich zu dir schon bekannten Charakteren neue gestellt, mächtigere, mit
denen ich dich erst ein wenig in die falsche Richtung schicken wollte. WIE
mächtig diese Figuren tatsächlich waren, hab ich dann allerdings am eigenen
Leib feststellen dürfen. Ich weiß nicht genau, wie das geschehen ist,
aber aus irgendeinem Grund wurde ich in die Geschichte hineingezogen und bin direkt Lysander in die Arme gelaufen. Er
ist...“
Weiter kam Oliver nicht, da er
von einer unsichtbaren Macht gepackt und in eine Ecke geschleudert wurde, wo er
reglos liegen blieb.
„Nicht schlecht“, sagte eine
Stimme hinter Gwendolin, die so ausdruckslos war, dass sie erneut eine
Gänsehaut bekam. „Ich hätte nicht gedacht, dass du es tatsächlich schaffen
würdest, deinen Freund zu befreien. Ich hatte dich wohl unterschätzt. Aber zum
Schluss hast du doch noch einen großen Fehler gemacht. Deine Neugierde ist es,
die euch die Niederlage und mir den Sieg bringt.“
Eine Hand legte sich auf
Gwendolins Schulter und drehte sie um, sodass sie der Gestalt im schwarzen
Umhang direkt gegenüber stand. Noch immer konnte sie kein Gesicht erkennen,
doch blitzte es einmal violett unter der Kapuze hervor.
Gwendolin war wie gelähmt. Es war
alles ihre Schuld, sie hatte alles zerstört. Hätte sie Oliver doch nur nicht
darum gebeten, ihr alles zu erklären. Verzweifelt versuchte Gwen von Lysander
loszukommen, doch der hielt sie noch für einige Sekunden unbarmherzig fest, ehe
er abrupt seinen Griff löste und die junge Frau einige Schritte zurücktaumelte.
„Gib mir den Dolch“, forderte
Lysander in neutralem Tonfall.
Gwendolin presste die Waffe an
sich und hielt sie fest. „Nein... niemals. Du wirst ihn nicht bekommen. Er
ist...“
Gwen wollte den Dolch an einen
Ort wünschen, den Lysander nie erreichen konnte, doch dieser ahnte ihr Vorhaben
und versetzte ihr einen Stoß, dass sie das Gleichgewicht verlor und unsanft auf
dem Boden landete.
„Gib auf, kleines Mädchen.“
Immer noch klang die Stimme so
seltsam emotionslos. Nicht verärgert oder wütend, aber auch nicht belustigt
oder fröhlich.
„Ich kann und werde dich daran
hindern, deine Magie einzusetzen.“
Gwen wollte widersprechen, doch
erneut traf sie eine unsichtbare Welle und ließ sie ein Stück über den blanken
Steinboden schlittern.
„Weißt du“, fuhr Lysander fort.
„Ich muss dich nur noch für eine halbe Stunde aufhalten. Mehr ist gar nicht
notwendig, denn nach dieser Zeit bist du nichts anderes als eine gewöhnliche
Magd. Wer weiß, vielleicht behalte ich dich ja im Schloss und lass dich in der
Küche arbeiten.“
„Lass sie da raus!“, erklang nun
Olivers Stimme. Er hatte sich mühsam wieder aufgerichtet und ging langsam auf
Lysander zu. „Das ist eine Sache, die nur uns beide etwas angeht. Ich habe den
Fehler gemacht dich zu erschaffen, also räche dich auch an mir!“
Bei den letzten Worten wollte er
den Magier anspringen, doch dieser hob gelassen eine Hand und Oliver flog
erneut gegen die Wand – nur wurde er diesmal auf halber Höhe festgehalten.
„Du legst dich also erneut mit
mir an, junger Narr? Weißt du denn nicht, dass man sein Schicksal nicht zweimal
herausfordern soll?“
Die Macht, mit der Oliver gegen
die Mauer gepresst wurde, musste enorm sein, denn er bekam kaum noch Luft.
„Ich stehe für meine Fehler ein“,
keuchte er. „Du wirst nicht siegen...“
„Doch, das kann und werde ich“,
erwiderte Lysander gelassen. „Ergib dich mir oder stirb.“
Der junge Mann schüttelte jedoch
nur leicht den Kopf.
„Gwen... der Dolch... Kristall...
kugel...“
Mehr brachte er nicht mehr
hervor, da ihm die Luft immer knapper wurde.
„Nein! Lasst ihn!“
Gwendolin wollte schon auf
Lysander zugehen und ihm den Dolch übergeben. Sollte er sie doch zu seiner Magd
machen, es war ihr egal, wenn er nur Oliver nichts tat.
„Pst... Mylady!“
Eine leise Stimme ließ sie
herumfahren. Vor ihr, noch unbemerkt von Lysander, stand Jacques, der kleine
Fuchs, und sah sie mit zerknirschter Miene an. Er hatte einen langen Kampf mit
sich selbst gefochten und war zu dem Schluss gekommen, dass er doch lieber auf
der Seite von Gwendolin stehen wollte.
„Was willst du von mir...“,
fragte Gwen abweisend. Ihr war klar geworden, dass weder Jacques noch Margowa
auf ihrer Seite standen, sondern dass sie nur ein Ziel vor Augen gehabt hatten
– sie zu Lysander zu bringen.
Der kleine Fuchs schüttelte nur
traurig den Kopf.
„Schnell, du musst dich beeilen,
wenn du Lyran noch befreien willst. Neben dem Thron steht ein Tischchen mit
einer Kristallkugel. In der Kugel ist ein schwarzer Dolch, das Gegenstück zu
dem, den du in der Hand hältst. Du musst deinen Dolch so in die Kugel
bringen, dass sich die beiden Waffen kreuzen, das ist alles. Lauf schon!“
Nach diesem Rat sprang Jacques
auf Lysander zu und verbiss sich in dessen ausgestrecktem Arm.
Gleichzeitig schoss Ragnheidur
wie aus dem Nichts hervor und zielte auf das Gesicht des Magiers, der daraufhin
wild mit den Armen fuchtelnd versuchte die Tiere zu vertreiben.
Oliver rutschte zu Boden und
schnappte keuchend nach Luft.
Für wenige Sekunden blieb
Gwendolin wie gelähmt, doch dann hörte sie die Stimme in ihrem Kopf, die sie
zur Eile mahnte. Sie machte auf dem Absatz kehrt und rannte auf den Thron zu.
Sie hatte ihn gerade erreicht, als es Lysander endlich gelang Jacques abzuschütteln.
Der Fuchs flog in hohem Bogen gegen eine Säule. Es knackte einmal leise und er
blieb reglos liegen.
‘Gleich’, dachte Gwen. ‘Gleich
habe ich es geschafft.’
Sie streckte gerade den Arm aus,
um nach dem Kristall zu greifen, als eine unsichtbare Hand nach ihr griff und
sie zurückholen wollte.
„Nein!“, rief sie erschrocken
aus. Es durfte doch nicht wahr sein, dass sie so kurz vor dem Ziel noch
versagte. Der Dolch musste doch in die Kugel. Angestrengt stemmte sie
sich gegen den Griff, ihre Gedanken kreisten nur noch um die beiden Dolche und
vor ihrem geistigen Auge sah sie, wie beide gekreuzt in der Kristallkugel
eingeschlossen waren.
Da verschwand plötzlich der Dolch
aus ihrer Hand und
Gwendolin fürchtete schon, dass Lysander ihn sich geholt hätte, doch im selben
Moment leuchtete die Kugel grell auf und ein durchdringendes Quietschen, als
hätte man den Riegel eines riesigen Tores mühsam zurückgezogen, erfüllte den
Raum. Der Boden und die Wände bebten kurz und automatisch dachte Gwen an ein
Erdbeben, doch sofort kehrte wieder Ruhe ein und als sich die junge Frau
umdrehte, war Lysander verschwunden.
„Oliver?“ Suchend drehte sich Gwen in seine Richtung,
doch Oliver winkte nur ab.
„Ich bin in Ordnung, wirklich. Du hast es geschafft,
Gwendolin! Lyran ist frei!“
„Aber... warum sind wir dann noch hier?“
Fragend sah sie Oliver an, als ihr Blick plötzlich auf
Jacques’ reglosen Körper fiel.
„Jacques!“ Gwen eilte zu ihm und kniete neben dem
kleinen Fuchs nieder. Vorsichtig nahm sie ihn auf. „Jacques?
Jacques, sag doch
was!“
Verzweifelt streichelte sie ihn. Er war doch nicht
etwa... nein, er durfte einfach nicht tot sein. Tränen liefen über Gwens
Wangen, doch sie merkte es gar nicht.
Mit einem Mal zuckte die Nasenspitze des Fuchses und
er öffnete ein Auge.
„Heulst du etwa?“, fragte er mit schwacher Stimme.
„Lass das, ihr seid noch nicht frei... erst...“
„Gwendolin? Oliver? Seid ihr in Ordnung?“ Eilige
Schritte näherten sich und gleich darauf betrat eine Gestalt im schwarzen
Umhang mit über den Kopf gezogener Kapuze den Thronsaal.
Gwen zuckte zusammen. War das Lysander? Rasch stand
sie auf, Jacques vorsichtig im Arm haltend, und wich ein Stück zurück.
„Lasst euch nicht von ihm täuschen!“, klang
gleichzeitig eine zweite Stimme von der anderen Seite, wo eine identisch
gekleidete Gestalt erschien.
Verwirrt sahen sowohl Oliver als auch Gwendolin
zwischen beiden hin und her. Gwen versuchte herauszubekommen, welche Stimme ihr
vom Turm her bekannt war, doch dann musste sie bestürzt feststellen, dass sie
beide gleich klangen. Wer war wer?
„Ihr müsst gehen“, drängte die Gestalt zu ihrer
Linken.
„Nein! Wenn ihr jetzt geht, seid ihr verloren!“, rief
die zur Rechten.
„Hört nicht auf ihn! ICH bin Lyran.“ Mit diesen Worten
schlug der eine Mann die Kapuze zurück.
Auch der zweite zog langsam die Kapuze vom Kopf und
Gwen sog hörbar die Luft ein. Beide Männer glichen sich wie ein Ei dem anderen.
Die gleiche Größe, die gleiche Frisur, die gleiche Mimik, die gleichen braunen
Augen. Sie bewegten sich sogar identisch. Wie sollte sie da herausfinden, wem
sie trauen konnte? Wer war der echte Lyran?
Hilflos irrte Gwens Blick von einem zum anderen. Sie
musste sich entscheiden und das schnell. Die Zeit lief ihnen davon, das hatte
Lysander selbst zugegeben. Schließlich sah Gwen zu Oliver, doch auch der zuckte
nur ratlos die Schultern.
Da hustete Jacques und zupfte gleichzeitig mit der
Pfote an Gwens Arm. Er wollte wohl etwas sagen, brachte aber nicht mehr als ein
Flüstern zustande.
Gwendolin senkte ihren Kopf, bis ihr Ohr fast seine
Schnauze berührte.
„Ex
ungue leonem“, flüsterte ihr der kleine
Fuchs ins Ohr, ehe er erneut hustete und dann still wurde. Gwen zuckte
zusammen, doch dann sah sie, dass das Tier noch atmete und sie beruhigte sich
wieder.
An
der Kralle erkennt man den Löwen hatte
Jacques gerade gesagt. Kralle... KRALLE! Natürlich, das war es! Rasch sah
Gwendolin auf die Hände der beiden Männer. Beim rechten konnte sie nichts
erkennen, doch der linke Mann hatte an einer Hand tiefe Kratzspuren.
„DAS
ist Lysander!“, rief Gwendolin laut und deutete auf ihn, dessen Augen mit einem
Mal die Farbe wechselten und nun violett leuchteten. Es lag sogar der Hauch
eines Lächelns auf seinen Gesichtszügen.
„Gratuliere“,
sagte er ruhig. „Diesmal habt ihr gewonnen. Aber wir werden uns wiedersehen,
verlasst euch drauf.“
Nach
diesen Worten verschwand er einfach. Gerade so, als habe er sich in Luft
aufgelöst.
Der
richtige Lyran aber ging auf die beiden jungen Leute zu. Noch immer wirkte er
besorgt. Vorsichtig nahm er Gwendolin den verletzten Fuchs aus der Hand.
„Ich
werde mich um ihn kümmern“, versprach er. „Das bin ich euch und ihm schuldig.
Doch jetzt müsst ihr gehen.“
Er
deutete auf einen Wandteppich, der ein festliches Gelage darstellte.
„Geht
einfach hindurch und ihr seid wieder dort, wo ihr hingehört.“
Dann
legte er Oliver noch die Hand auf die Schulter.
„Passt
auf euch auf“, sagte er leise. „Lysander wird seine Ankündigung wahr machen und
sich rächen wollen. Du kannst ihn nicht mehr vernichten, das weißt du ja, aber
du kannst ihn einschränken.“
„Werden
wie Euch wiedersehen?“, fragte Gwendolin zaghaft. So sehr sie sich auf ihre
Welt freute, so traurig war sie doch, Lyran und auch Jacques wieder verlassen
zu müssen.
„Wann
immer Ihr wollt, Mylady“, erwiderte Lyran lächelnd. „Es gibt mehr als einen Weg
in unsere Welt. Doch nun geht. Euch bleiben nur noch wenige Sekunden.“
Oliver
nahm Gwendolin sanft am Arm, nickte Lyran nochmals zu und schritt dann
gemeinsam mit Gwen durch den Teppich.
*
Fröhlicher Lärm erwartete sie und das Fest war noch in
vollem Gange. Keiner der Feiernden hatte das junge Paar bemerkt, das wie aus
dem Nichts vor einem Wandteppich erschienen war.
Als Gwendolin an sich hinabsah, merkte sie sehr zu
ihrem Erstaunen, dass sie nun ein wunderschönes Kleid trug. Auch Olivers
Kleidung war tadellos, so als wären sie beide geradewegs aus einem Märchenbuch
spaziert. Lediglich Olivers wundgescheuerten Handgelenke zeugten von den
Strapazen, die er durchlebt hatte, doch dies schien ihn nicht zu stören.
„Du siehst hübsch aus, das habe ich dir noch gar nicht
gesagt“, flüsterte Oliver als die Musik wieder anfing zu spielen. Er verneigte
sich galant.
„Darf ich Euch um diesen Tanz bitten, Mylady?“
Gwendolin kicherte. „Aber gerne doch, Mylord.“
Keiner von beiden sah, wie sich das Bild auf dem
Teppich veränderte. Es zeigte nun ein Fabelwesen, einen Drachen oder etwas
Ähnliches und darunter stand auf Latein:
Oderint dum metuant – Mögen
sie mich hassen, solange sie mich fürchten